Vom Säen, Wachsen, Loslassen und Ernten und was Yin Yoga damit zu tun hat
Wenn ich an Erntedank denke, entstehen direkt Bilder von reifen Äpfeln, leckerem Zwetschgendatschi, erstem Laub, das von den Bäumen fällt und kühle Morgen in meinem Kopf. Es ist die Zeit des Jahres, in der wir sehen, was über die letzten Monate gewachsen ist und Früchte getragen hat.

Doch ist es natürlich nicht nur Obst und Gemüse, was als Erntegut gesehen werden kann und wofür wir dankbar sein dürfen. Erntedank geht weit über die sichtbare Ernte hinaus. Wo haben wir eine Saat gesät und können vielleicht "ernten"? An welcher Stelle müssen wir vielleicht etwas Unkraut jäten oder wo darf losgelassen und Platz für Neues geschaffen werden?
Die Kunst des Säens
Jede Entwicklung beginnt mit einem Samen. Mag es eine Idee, ein Wunsch, ein Ziel, eine Entscheidung sein. Wenn wir einen Samen in die Erde legen, sehen wir zunächst nichts. Wochenlang oder sogar monatelang bleibt die eigentliche Entwicklung verborgen. Dennoch passiert unter der Oberfläche bereits etwas.
Ähnlich verhält es sich mit unserem eigenen persönlichen Wachstum. In den vergangenen Jahren habe ich selbst viele Samen gesät. Durch Ausbildungen, Weiterbildungen, persönliche Erfahrungen und intensive Lernprozesse durfte ich Wissen sammeln, Neues ausprobieren und unterschiedliche Wege erkunden.
Nicht alles davon war von Anfang an klar oder logisch. Manche Schritte ergaben ihren Sinn erst rückblickend. Damals fühlte es sich oft an, als würde ich investieren, ohne bereits zu wissen, welche Früchte daraus entstehen würden.
Heute erkenne ich, wie wichtig genau diese Zeit war.
Was Erde mit Herbst und Geduld zu tun hat
Die Zeit um Erntedank verbinde ich seit meiner Yin Yoga Ausbildung gerne mit der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin. Kurz vor dem kalendarischen Erntedankfest ist laut TCM die Zeit des Elements Erde. Die Erde steht für Nährung, Stabilität und Vertrauen. Sie erinnert uns daran, dass Wachstum Zeit braucht. Du siehst zwar schon den Apfel am Baum hängen und doch ist er noch nicht reif, um verzehrt zu werden. Kurzum: Kein Garten blüht über Nacht.
Auch unsere persönliche Entwicklung folgt selten einer geraden Linie. Gerade in einer Zeit, in der vieles schnell gehen soll, vergessen wir leicht, dass Reifung ein natürlicher Prozess ist. Manche Erkenntnisse entstehen erst durch Wiederholung. Manche Fähigkeiten entwickeln sich erst durch Erfahrung.
Warum Ernten allein nicht reicht
Erntedank wird oft mit Fülle verbunden. Doch ein Garten besteht nicht nur aus Pflanzen, die wachsen dürfen. Wer einen Garten pflegt, weiß, dass regelmäßiges Jäten dazugehört. Und genau hier kommt für wieder die TCM ins Spiel.
Denn nicht nur die Natur lädt im Herbst ein loszulassen, in dem Blätter abfallen, Blüten welk werden und nicht gepflücktes Obst zu Boden fällt und verdirbt.
In der TCM wird der Herbst dem Element Metall zugeordnet. Es steht für Klarheit, Essenz und Loslassen. Und so kommen zur Zeit der Erntedankzeit die Fragen auf: Was darf bleiben und was darf gehen?
Diese Frage hat mich in den vergangenen Jahren immer wieder begleitet. Mit jeder Weiterbildung, jeder neuen Erfahrung und jedem neuen Impuls entstanden auch neue Möglichkeiten. Gleichzeitig durfte ich immer wieder ehrlich prüfen, was wirklich zu mir passt.
Nicht jede Idee wollte weiterverfolgt werden. Nicht jede Richtung fühlte sich langfristig stimmig an. Nicht jede Pflanze gehört in jeden Garten. Manches durfte wachsen. Manches wurde wieder aussortiert. Manches musste ganz bewusst losgelassen werden.
Rückblickend erkenne ich, dass genau dieser Prozess ein wichtiger Teil meiner Entwicklung war. Denn Klarheit entsteht selten durch immer mehr. Oft entsteht sie durch bewusstes Weglassen.

Die Ernte der letzten Jahre
Heute fühlt es sich an, als würden die Samen der vergangenen Jahre langsam aufgehen. Nicht in Form eines plötzlichen Durchbruchs, sondern eher wie eine Pflanze, die nach und nach sichtbar wird. Die vielen Ausbildungen, Erfahrungen und Lernprozesse haben ein Fundament geschaffen. Das Vertrauen in die eigene Arbeit ist gewachsen. Die Ausrichtung ist klarer geworden.
Und vielleicht ist genau das die schönste Form der Ernte. Nicht die äußeren Ergebnisse. Sondern die innere Gewissheit, den eigenen Weg immer besser zu erkennen. Erntedank bedeutet für mich deshalb nicht nur, die Früchte zu feiern.
Es bedeutet auch,
die Geduld zu würdigen, die das Säen gebraucht hat.
Den Mut anzuerkennen, neue Wege auszuprobieren.
Und dankbar auf all das zu schauen, was ich losgelassen habe, damit Raum für das Wesentliche entstehen konnte.
Nähre, was wachsen soll. Lass los, was nicht mehr zu dir gehört. Und nimm die Früchte deines Weges mit offenen Händen entgegen.
Yin Yoga zum Erntedank: Eine Praxis zum Erden und Loslassen
Es ist schon eine Weile her, dass ich eine Yin Yoga Praxis hier beschrieben und veröffentlicht habe. Ich persönlich finde Yin Yoga ist für sich schon ein Geschenk für Körper und Geist und das ganz unabhängig von der Jahreszeit.
Ich habe eine Mini-Praxis vorbereitet, die perfekt auf diese Zeit des Jahres passt. Die Erde erinnert uns daran, wahrzunehmen, was bereits gewachsen ist. Das Metall hilft uns zu erkennen, was wir nicht länger mittragen möchten. Die folgende kurze Yin-Yoga-Sequenz verbindet beide Elemente.
Was du vorab für die 25 Minuten Yin Yoga Praxis brauchst:
Yogamatte, gerne Wollmatte oder mit einer Decke ausgelegt
Bolster (oder eine dickere gerollte Decke)
2 Yogablöcke (oder ein dicker Schmöcker)
Yogagurt (oder einen Schal)
Decke
bequeme Kleidung
bewusste Zeit für dich
Wenn du magst, praktiziere gerne mit ruhiger Musik ohne Gesang. Ich persönlich mag's lieber still.
Let's go: 25 Minuten Erntedank Yin Yoga Praxis
Platziere die Hilfsmittel schon mal neben deine Matte. Den Gurt am besten direkt am oberen Mattenende.
1. Ankommen & ruhiges Erden – 3 Minuten
Komm in Rückenlage. Streife beginnend mit den Füßen über den Boden. Nimm die Beschaffenheit des Bodens unter deinen Füßen wahr. Erde dich.
Nimm deinen Gurt, winkle rein rechtes Bein an und
platzier ihn hinter deiner rechten Fußsohle.
Die enden des Gurts in beiden Händen halten.
Langsam mit dem Gurt die Fußsohle entlang wandern. Hineinspüren.
Bein wieder anwinkeln. Gurt lösen. Seite wechseln.

2. Deer / Reh – 3 Minuten (pro Seite)
Das Reh löst Spannungen im Beckenbereich und kann sich durch als drehende Haltung gut auf deine Verdauung auswirken. Energetisch gesehen kann dir die Asana dabei helfen Perspektivwechsel zuzulassen und Dinge anders zu machen, als sie eigentlich geplant waren.
Komm ins Sitzen. Beine zunächst vor dir aufgestellt.
Nimm dein Bolster und platziere es hinter dein Gesäß.
Beine nach rechts kippen, hinteres Bein Richtung Gesäß.
Oberkörper zum Bolster drehen. Bauchlings ablegen. Kopf nach links oder rechts drehen. Hände am Boden ablegen.
Schwer werden. Die Erdung und Verbundenheit zum Bolster spüren.
Nach 3 Minuten über Arme hochkommen.
Ausgangsstellung. Seite wechseln.

Rebound: Bolster zur Seite. Für 3 Atemzüge auf dem Rücken ablegen.
3. Lizard / Eidechse - 3 Minuten (pro Seite)
Die Eidechse ist eine intensive Hüftöffner-Haltung. Hierbei werden Hüftbeuger und die Leiste gedehnt. Öffnungen der Hüfte können immer recht intensive Empfindungen und Emotionen hervorrufen. Zugleich aber auch sehr befreiend wirken.
Drehe dich aus Rückenlage über eine ausstreckte Hand auf den Bauch.
Hände wie in der Sphinxhaltung Links und Rechts auf Brusthöhe platzieren.
Mit dem Oberkörper hochkommen (nicht durchstrecken, eher entspannt).
Rechtes Bein auf Hüfthöhe seitlich anwinkeln.
Augen schließen. Halten. In die Öffnung spüren.
Verbindung mit der Unterlage über Beine, Becken, Bauch wahrnehmen.
Nach 3 Minuten Beinstellung lösen.
Oberkörper absenken.
Für einen Atemzug kurz nachspüren. Danach Seite wechseln.

Rebound: Hände zu einem Kissen formen. Gesicht darin ablegen. Auf dem Bauch für 3 Atemzüge nachspüren.
4. Open Wings / Offene Flügel- 2 Minuten (pro Seite)
Die offene Flügelhaltung ist super für alle Vielsitzenden, denn sie öffnet sanft Brustkorb und Schultergürtel und dehnt dabei die Brustmuskulatur. Die Öffnung ermöglicht zudem eine verbesserte Atemraum-Erfahrung und kann daher unterstützend wirken, um loszulassen.
Nimm deinen Block und platziere ihn auf Höhe deines Kopfes.
Bleibe in Bauchlage.
Strecke deinen rechten Arm nach rechts aus.
Drehe dich auf deine rechte Seite und lege deinen Kopf auf dem Yogablock als Unterstützung ab.
Wenn möglich, stelle dein linkes Bein hinter dem rechten auf der Matte auf, um die Öffnung zu intensivieren.
Augen schließen und in die Öffnung spüren. Loslassen.
Nach 2 Minuten die Beinstellung lösen, zurück auf den Bauch drehen und direkt die Seite wechseln.

Rebound: Hände erneut zu einem Kissen formen. Gesicht darin ablegen. Auf dem Bauch für 3 Atemzüge nachspüren.
5. Unterstützte Fischhaltung - 3 Minuten
Abschließend öffnen wir den Brustkorb und Herzraum. Auch diese Haltung ist super für Vielsitzende. Sie entlastet Schultern und Nacken und dehnt gleichzeitig die Körpervorderseite, wodurch die Atemraum-Erfahrung erneut verbessert wird.
Hier brauchen wir mal richtig viel Support :)
Leg das Bolster mittig auf deine Matte, eine gefaltete Decke (oder Kissen) auf Kopfhöhe oberhalb des Bolsters legen. Zuletzt die beiden Yogablöcke auf Wadenhöhe etwas V-förmig unterhalb des Bolsters platzieren.
Setz dich vor dein Bolster.
Komm nun langsam in Rückenlage. Dein Kopf findet die Decke (Bitte nicht Überstrecken, es soll eine angenehme sanfte Dehnung des Nackens zu spüren sein). Deine Waden finden jeweils einen Block. Vermutlich musst du deine Hilfsmittel jetzt nochmal etwas nachjustieren.
Wenn du soweit bequem liegst, schließe die Augen.
Gib mit jedem Atemzug mehr ab und genieße die Öffnung.

6. Savasana - 2 Minuten
Nun ist es an der Zeit, um Getanes zu integrieren. Nimm dir für den Abschluss gerne eine Decke oder ein Bolster unter deine Kniekehlen. Mach es dir jetzt nochmal richtig gemütlich. Gib alles ab.

Bringe nach 2 Minuten - gerne mehr - wieder etwas Lebendigkeit zurück in deinen Körper. Bewege sanft die Zehen und Finger. Lasse die Bewegungen zunehmend größer werden. Auch Gähnen ist willkommen und ein Zeichen, dass die Mini-Praxis auch deinem parasympathischen Nervensystem gut getan hat.
Komme über eine Seite deiner Wahl zurück ins Sitzen und bedanke dich bei dir, dass du dir Zeit für deine Yogapraxis genommen hast.
Fazit - Die eigentliche Botschaft des Erntedanks
Wir säen, wachsen jäten, lassen los, und ernten. Und dann geht's von vorne los. Meist erkennen wir erst Jahre später, welche Samen aufgegangen sind. Und manchmal stellen wir fest, dass das Wegwerfen einer Pflanze genauso wichtig war wie das Pflegen einer anderen.




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